Reisen und Kultur in Saudi Arabien: Ist Frauensport unislamisch?

Reisen und Kultur in Saudi Arabien: Ist Frauensport unislamisch?

18. November 2009

Frauen in Saudi-Arabien: Kann Frauensport sündig sein? “Frauen dürfen Sport zu Hause treiben!” Junge saudische Frauen wollen nicht fett und träge sein.  «Hier kannst du nichts verlieren, nur Fett», steht auf den Stufen der Treppe, die zur Frauenabteilung eines der modernsten Fitnessstudios von Dschidda führt. Die meisten Frauen und Mädchen, die oben an den Sportgeräten zu lauter Disco-Musik Gewichteheben und auf dem Laufband gehen, haben reichlich Speck auf den Hüften.

In Schweiß gebadet sind die meisten von ihnen aber nicht. In mittlerem Tempo turnen sie auf dem Stepper, sie plaudern an der Saftbar. «Ach, ich bin so müde vom Training», sagt eine der schlankeren Frauen, die an einer Maschine im Sitzen abwechselnd ihre Oberarmmuskeln trainiert und mit einer Freundin telefoniert. Viele der Frauen treiben hier zum ersten Mal in ihrem Leben Sport.

Denn an den staatlichen Mädchenschulen in Saudi-Arabien gibt eskeinen Sportunterricht, weil sich Traditionalisten und islamische Religionsgelehrte dagegen ausgesprochen haben. Sie fürchten einen Verfall der Sitten, wenn Mädchen Bälle treten und Frauen Sportstadien besuchen dürfen. «Fußball und Basketball sind Sportarten, bei denen man sich viel bewegen und springen muss, dabei könnte das Jungfernhäutchen eines Mädchens beschädigt werden», warnte Scheich Abdullah al-Manea, ein Mitglied des hohen Rates der Religionsgelehrten kürzlich. Ein anderer Scheich erklärte kurz und bündig: «Frauensport ist sündig».

In den Sportclubs des islamischen Königreiches sind weibliche Athletinnen und Spielerinnen deshalb nicht willkommen. Bislang gibt es auch noch keine Behörde, die Lizenzen für Frauen-Fitnessstudios ausstellt. In den vergangenen Monaten wurden mehrere Studios für Frauen wegen fehlender Bewilligungen geschlossen. Die Betreiber von Sportstudios für Männer kennen diese Probleme nicht. Die wenigen Frauen-Fitnessclubs, die in den großen Städten noch existieren, werden jetzt als Teil von Krankenhäusern unter der Bezeichnung «Gesundheitsclub» geführt.

Zu einem dieser Fitnessstudios gehört auch der Basketball-Platz, den der Frauen-Basketball-Verein Jeddah United für sein Training mietet. «Ein Teil unserer Gesellschaft hat bedauerlicherweise eine sehr engstirnige Auffassung von Religion», sagt Lina al-Maena, die Gründerin des Basketballteams. Die junge Mutter trägt an diesem schwülwarmen Herbstabend ein schwarzes Gewand mit einem Kopftuch dazu. Das ist in Saudi-Arabien die gesetzlich vorgeschriebene Kleidung für alle Frauen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen.

Dann geht Lina al-Maena resoluten Schrittes durch eine kleine Tür zum Sportplatz, wo die Jugendmannschaft schon trainiert. Plötzlich steht sie in knielangen Basketball-Shorts mit T-Shirt und Schweißband im Haar da. «Ich bin konservativ. Ich will gar nicht mit meinen Shorts auf der Straße Basketball spielen», sagt die Sportlerin energisch, «aber wir brauchen mehr Freiraum. Die Frauen in Saudi-Arabien sollten endlich Autofahren dürfen und unser Verein sollte genauso Unterstützung erhalten wie die Clubs der Männer.» Auch ihre Mannschaftskameradinnen schälen sich jetzt aus ihren Gewändern.

Ein langbeiniges Mädchen aus der Jugendmannschaft kommt zu Al-Scharefa Maali al-Abdali, die den Monatsbeitrag von den Spielerinnen einsammelt. «Bitte habe Geduld. Meine Mutter hat bisher nur für Oktober bezahlt, aber ich bringe das Geld nächstes Mal mit», verspricht sie. «Wir haben einige Sponsoren, aber wir müssen den Platz, die Trikots und alles andere alleine bezahlen», erklärt Al-Maena, die nicht nur Gründerin, sondern auch Kapitän der Frauenmannschaft ist. In Jordanien hat ihr Team schon gespielt - und verloren. Inzwischen ist in der Hafenstadt Dschidda, die wesentlich weltoffener ist als die Hauptstadt Riad und die meisten anderen Provinzen des Landes, auch ein privater Frauen-Fußballverein gegründet worden.

An eine Olympia-Teilnahme ist jedoch wegen der Ablehnung der konservativen Kleriker noch lange nicht zu denken. Dabei hätten die saudischen Frauen den Sport nicht nur nötig, weil viele von ihnen übergewichtig sind. Der typische saudische Lebensstil, der die Frauen ans Haus fesselt, birgt auch Gesundheitsrisiken. Viele von ihnen leiden unter Osteoporose, Diabetes, Depressionen und Vitamin-D-Mangelerscheinungen. «Sport ist das beste Mittel gegen Depressionen und Langeweile», sagt Al-Maena. Auch für das gesellschaftliche Klima wäre es ihrer Ansicht nach besser, wenn sich die Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien künftig mehr bewegen würden:«Denn man sagt ja nicht umsonst, der Teufel lebt im Hinterhof eines leeren Hirns».

dpa abc a3 k6 ub


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